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Freitag, 17. August 2012

Die Seele als Ort in der Natur

(c) Netzer Johannes - fotolia.com
In seinem Buch "Soulcraft - Die Mysterien von Natur und Seele" stellt Bill Plotkin eine faszinierende Definition der menschlichen Seele dar. Hier ein Textauszug:

Ihre Seele ist Ihre wahre Natur. Sie können sich Ihre Seele auch  als Ihren wahren Ort in der Natur vorstellen. Sie wurden geboren, um einen bestimmten Platz in jener Gemeinschaft einzunehmen, die der Ökophilosoph David Abram die mehr-als-menschliche Welt nennt. Sie haben eine einzigartige ökologische Rolle, die Art und Weise, in der es für Sie bestimmt ist, dem Netz des Lebens zu dienen und es zu nähren – entweder direkt oder über Ihre gesellschaftliche Rolle. Auf der Seelenebene gehören Sie auf eine ganz bestimmte Weise zur Biosphäre, die so einzigartig ist wie jeder Ahornbaum, jeder Elch und jeder Berg.

„Ein besonderer Ort“ bedeutet auch eine bestimmte
physische Örtlichkeit. So gehen die australischen Aborigines zum Beispiel davon aus, dass es für jeden Menschen einen Platz in der natürlichen Welt gibt, an den er am meisten gehört, der ein Teil von ihm ist – ebenso, wie der Mensch einen Teil dieses Platzes darstellt. Indem er diesen Platz findet, entdeckt er zugleich sein wahres Selbst.

Auch Sie können Ihre Mitgliedschaft als Naturwesen in der natürlichen Welt zurückgewinnen. Der leichteste und direkteste Weg dahin besteht darin, einfach Zeit im Freien zu verbringen, ruhig, beobachtend und dankbar. Wenn Sie auf arglose Weis ein die Natur eintauchen, werden Sie mit der Zeit entdecken, dass die Natur Ihre Seele widerspiegelt und so Ihren besonderen Platz in der mehr-als-menschlichen Welt enthüllt.


Sie können sich darauf verlassen, dass die wilde Natur Ihre Seele reflektiert, denn diese ist Ihr wildester und natürlichster Aspekt. Die Natur gebiert Ihre Seele – und die aller anderen Tiere und Pflanzen auf dem Planeten. Ihr Ego jedoch ist nicht direkt aus der Natur geboren, sondern entstammt eher der Matrix, die von Kultur, Sprache und Familie gebildet wird. Die Seeleninitiation wird oft als Tod mit darauf folgender zweiter Geburt beschrieben. Es ist, als wenn Sie einen Kokon spinnen, in dem Ihr erstes Ego stirbt und später ein in der Seele verwurzeltes Ego geboren wird – diesmal nicht aus der Kultur, sondern aus dem Schoß der Natur.


Die wilde Natur enthält alle irdischen Zugehörigkeitsmuster. Jede Nische der Welt wird von einer Lebensform gefüllt, die dort perfekt hineinpasst, weil sie genau dafür geboren wurde. Je wilder die Umgebung (also je komplexer und verschiedenartiger), umso wahrscheinlicher enthält sie Zugehörigkeitsmuster, die sich mit Ihrer Bestimmung in Einklang befinden. Wer auch immer Sie sein und welche Möglichkeiten Ihnen auch immer zu eigen sein mögen, irgendwo in der wilden Natur gibt es Formen und Kräfte, welche die Nuancen Ihrer Seele widerspiegeln.
Bill Plotkin

Ihre Seele ist sowohl Teil von Ihnen als auch Teil der Welt. Die Welt kann keine Vollständigkeit erlangen, bevor nicht Sie selbst vollständig werden. Wie der pulsierende Raum eines schimmernden Potentials, das darauf wartet, entdeckt, beansprucht, besetzt zu werden, entspricht auch Ihre Seele einer Nische, einem ganz bestimmten Platz in der Natur. Wie ein Strudel in einem Fluss, eine Welle im Ozean oder eine Flamme im Feuer ist Ihre Seele sowohl in als auch von dieser Welt.
Der Mathematiker und Kosmologe Brian Swimme sowie der Kulturhistoriker Thomas Berry legen in ihrem Buch Die Autobiographie des Universums nahe, dass nicht nur jeder Mensch und alle Dinge einen einzigartigen Platz in der Welt haben, sogar selbst ein solch einzigartiger Ort sind:

Walt Whitman hat seine Empfindungen nicht erfunden, und er war für die Form, in der er seinen Gefühlen Ausdruck verlieh, auch nicht gänzlich verantwortlich. Vielmehr stellen seine Empfindungen eine komplizierte Schöpfung der Milchstraße dar, und seine Empfindungen sind Heraufbeschwörungen des Seins, Beschwörungen, die Gewitterstürme, Sonnenlicht, Gras, Geschichte und Tod umfassen. Walt Whitman ist ein Raum, den die Milchstraße geformt hat, um ihre eigene Größe zu spüren. 

Die Essenz der menschlichen Seele kann nicht von der Wildnis der Natur getrennt werden.  Aus diesem Grund muss eine hinreichende Psychologie immer eine Öko-Tiefenpsychologie sein. Und so überrascht es nicht, dass sich tiefe Begegnungen mit der Seele selbst in der modernen Welt oft während einsamer Wildnisaufenthalte ereignen, wie es auch bei den Begründern der großen Weltreligionen der Fall war: Moses stieg auf den Berg Sinai, Jesus verbrachte vierzig Tage in der Wüste, Mohammed begab sich in eine Höhle außerhalb von Mekka, und Buddha saß unter dem Bodhi-Baum. Auch wir müssen lernen, unsere Vision und Inspiration wieder außerhalb der gewohnten Welt des Dorfes zu finden und wieder in innere wie auch äußere Wildnis hineinzuwandern. 


   








Bill Plotkin: Soulcraft


Übrigens: Ein ausführliches Leitbild des Arun Verlages zu Fragen der Ethik, der Spiritualität und der Ökologie finden Sie HIER. 

Donnerstag, 22. März 2012

Thomas Berry: Eine Vision für die Zukunft

"Es ist schließlich die Erde selbst, die uns das Leben schenkt, erhält und mit ihren Wundern erfreut. Wir sollten daher die intellektuellen, politischen und ökonomischen Orientierungen sorgfältig erwägen, die uns dazu befähigen, unseren geschichtlichen Auftrag auszuführen: einen lebensfähigen Weg in die Zukunft einzuschlagen.
Ähnlich wie der Künstler, der ein bedeutendes Werk hervorbringt, zunächst etwas dem Traumbild Vergleichbares erfährt, das sich während des Schaffensprozesses zunehmend erhellt, müssen wir zuerst über eine Zukunftsvision verfügen, die uns bei der Transformation des Menschheitsprojektes, die sich derzeit vollzieht, unterstützt. Als eine solch tragfähige Vision verstehen wir im Folgenden diejenige einer heraufziehenden „ökozoischen Epoche“ – also derjenigen Ära, in der die Menschen ein von beiderseitigem Nutzen geprägtes Verhältnis zur Erde gewinnen.
Es wird nur dann eine Zukunft für uns geben, wenn wir das Universum als eine Gesamtheit von Subjekten verstehen, mit denen wir in Gemeinschaft leben, und nicht als Summe von Objekten unserer Ausbeutung. Der „bloße Nutzen“ als primäre Beziehung zum Planeten ist zurückzuweisen. Da es äußerst schwierig ist, einer großen Zahl von Menschen Nahrung, Unterkunft und Lebensunterhalt zu sichern, hängen diese Ziele von unserer Fähigkeit ab, die natürliche Umwelt so zu erhalten, dass diese letztlich uns erhält. Sämtliche Wissenschaften und Technologien und alle unsere sozialen Institutionen können ihre Aufgaben nicht richtig erfüllen, wenn die ökologischen Systeme nicht mehr richtig funktionieren.
Es ist die enge Vertrautheit mit dem Planeten in seiner wunderbaren Schönheit und dem vielfältigen Reichtum seiner Sinnebenen, die dem Menschen eine funktionierende ganzheitliche Beziehung zur Erde ermöglicht. In ihr liegt der einzige Weg des Menschen zu einem wahrhaftigen Gedeihen, das auch die anderen Lebensformen auf der Erde in ihrem Dasein achtet. Unser Auftrag, mit der Erde in eine neue Gemeinschaft zu treten, kann nur verwirklicht werden, wenn wir uns der Erhabenheit der Existenz nicht verschließen und jene geheimnisvollen Kräfte feiern, aus denen alles um uns her erwachsen ist.
Nahrung für die Seele wie für den Körper wird es nur geben, wenn wir uns alle als miteinander verbunden empfinden, oder es wird sie überhaupt nicht geben. Diese Aufgabe zu verstehen und auf ihre Erfüllung hinzuarbeiten, ist die große zukünftige Herausforderung, vor die wir in diesen ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts gestellt sind."